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Die Folgen der Davis Cup-Reform: Geld regiert, Fragen bleiben

16.08.2018|19:00 Uhr|von Björn Walter
Die Folgen der Davis Cup-Reform: Geld regiert, Fragen bleiben

Quo vadis, Davis Cup? Verkauft der Tennissport seine Seele?

Wer den Davis Cup in seiner traditionellen Form liebt, dem blutet heute das Herz. Denn es ist amtlich: David Haggerty, Präsident des Tennis-Weltverbandes, ist nun befugt, seine Radikalreform des 118 Jahre alten Traditionswettbewerbs umzusetzen. Den umstrittenen Reformplänen des US-Amerikaners wurde durch die ITF-Generalversammlung am Donnerstag in Orlando/Florida zugestimmt. 71,4 Prozent der nationalen Verbände votierten mit "Ja" – erforderlich war eine Zwei-Drittel-Mehrheit (66,7 Prozent).

Was geht verloren, was kommt neu hinzu?

Packende Duelle, wie das Viertelfinale Spanien gegen Deutschland in der Stierkampf-Arena von Valencia im April, wird es in der Form ab 2019 nicht mehr geben. Anstelle von vier über das gesamte Jahr verteilten Runden mit Heim- und Auswärtsspielen in der Weltgruppe spielen nun 18 Teams in einem einwöchigen Turnier in der zweiten November-Hälfte um die Trophäe. Nach einer Vorrunde folgt eine Finalrunde im Knock-out-Format mit jeweils zwei Einzeln und einem Doppel über zwei Gewinnsätze. In einem Quali-Turnier im Februar sollen 16 Teilnehmer ermittelt werden, zwei weitere erhalten eine Wildcard.

Beim Deutschen Tennis Bund, der mit "Nein" abgestimmt hatte, sorgte das Ergebnis für betretene Mienen. DTB-Boss Ullrich Klaus sagte der Deutschen Presse-Agentur:

"Das ist jetzt schon eine große Enttäuschung. Es wurde nur über Geld, aber nicht über Sport geredet."

Auch der deutsche Teamchef Michael Kohlmann konnte der Entscheidung nichts Positives abgewinnen:

"Die geplante Reform zerstört die lange Tradition eines der wichtigsten Wettbewerbe im Welttennis unwiderruflich."

Fließen die versprochenen 3 Milliarden Dollar tatsächlich?

Apropos Geld: Haggertys Pläne basieren auf dem lukrativen Angebot der Investmentgruppe Kosmos, hinter der auch der spanische Fußballstar Gerard Piqué steht. Kosmos bietet drei Milliarden Dollar für einen Deal über 25 Jahre. Ob die astronomische Summe allerdings auch ausgeschüttet wird, bezweifeln viele Kritiker.

"Ich bin bei der Finanzierung sehr skeptisch. Wir als DTB pochen darauf, dass der Tennis-Weltverband die finanziellen Mittel transparent macht. Aber das ist bislang nicht geschehen“, gab Klaus vor der Abstimmung zu bedenken.

Unterstützen die Spieler das neue Format?

Jein! Andy Murray sprach sich in einem Inteview mit der New York Times lediglich für eine Verkürzung der Matches aus. Marathon-Duelle, wie Nadal gegen del Potro im Wimbledon-Viertelfinale, seien für die Zuschauer nicht ideal, weil sie zu viel Zeit in Anspruch nehmen.

Ob die Top-Spieler am Ende einer langen Saison noch mal eine Woche für den Davis Cup dranhängen, bleibt fraglich. Beispiel: Dominic Thiem. Laut dessen Langzeittrainer Günter Bresnik sei es überhaupt keine Option für "Domi", nach dem ATP-Finale in London noch in diesem neuen Wettbewerb zu spielen.

Wo findet die Final-Woche ab 2019 statt?

Vermutlich vorerst in Europa. Dahinter steckt politisches Kalkül. Die Top-Profis müssten nach den ATP-Finals in London nicht allzu weit reisen, um direkt im Anschluss bei der Davis Cup-Finalwoche aufzuschlagen - so der Wunsch Haggertys. Als Austragungsorte wurden zuletzt immer wieder Genf, St. Petersburg, Istanbul und die "Caja Magica" in Madrid ins Spiel gebracht.

Was passiert mit dem ATP World Team Cup?

Der soll im Januar 2020 trotzdem kommen. Im Players' Council wurde mit 9:0-Stimmen für die Wiederbelebung votiert. Bei der ATP-Gegenveranstaltung zum Davis Cup sollen 24 Nationalmannschaften in Australien gegeneinander antreten. Zudem werden Weltranglistenpunkte vergeben. Es droht also der Overkill in Sachen Teamwettbewerbe: Laver Cup September 2019, November 2019 Final-Woche im Davis Cup, Januar 2020 ATP World Team Cup. Welcher Tennisfan will das sehen?

Zieht der Fed Cup nach?

Erst mal nicht! 2019 wird weiterhin im alten Modus gespielt – mit jeweils acht Mannschaften in zwei Weltgruppen. Langfristig soll der Fed Cup aber nach dem Vorbild des "neuen" Davis Cups umgebaut werden. Ein "Final Four" ist schon länger im Gespräch.

Fazit

Der Erfolg des neuen Formats wird vor allem von zwei Faktoren abhängen:

Top-Spieler: Treten Federer, Nadal, Djokovic und Co. zur Final-Woche an, kann das dem Davis Cup einen großen Schub geben. Andernfalls verpufft der Effekt.

Fans: Ohne Heimspiele im eigenen Land schwindet womöglich das Interesse der Anhänger. Die traurige Folge wäre eine Davis-Cup-Entscheidung vor halbleeren Rängen an einem beliebigen Ort. Kein schöner Gedanke!

(Bild © imago)

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Björn Walter
am 16.08.2018 gepostet von:
Björn Walter
Redakteur
Schlägt aus dem zweiten Stock auf, kennt gute Beinarbeit jedoch nur vom Hörensagen. Tennis-Allzweckwaffe mit Herz für amüsante Geschichten abseits des Centercourts. In Redaktionskreisen als Ein-Mann-La-Ola-Welle für Rafael Nadal erprobt. Auch aktiv mit Laufschuhen und Rennrad.

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