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French Open: Vor genau 30 Jahren - Chang und das legendäre Mondball-Match

05.06.2019|10:00 Uhr|von Christian Schwell
French Open: Vor genau 30 Jahren - Chang und das legendäre Mondball-Match

Es ist heute genau 30 Jahre her, dass sich im Achtelfinale der French Open eine der größeren Überraschungen der Tennisgeschichte ereignete. Nicht nur die Tatsache, dass Michael Chang (damals erst 17 Jahre und drei Monate alter Jungprofi und heute Trainer von Kei Nishikori) beim Turnier von 1989 Ivan Lendl (damals Weltranglistenerster mit sieben Grand-Slam-Titeln auf der Haben-Seite und heute außerhalb des europäischen Pollenflugs Trainer von Alexander Zverev) in fünf Sätzen schlug, elektrisierte das Publikum.

Der berühmteste "Underarm-Serve" der Tennis-Geschichte


Es war vor allen Dingen die Art und Weise, die für Gesprächsstoff sorgte. Chang setzte von Krämpfen geplagt auf diverse ungewöhnliche spielerische Kniffe und Psychotricks. Und Chang setzte - Nick Kyrgios muss jetzt ganz stark sein – als erster auf der ganz großen Bühne des modernen Profitennis den Aufschlag von unten bewusst nicht aus der Not heraus geboren, sondern als taktisch gesetzten Überraschungseffekt ein.

 Kontroll-Freak Lendl verliert die Kontrolle über das Match

Ivan Lendl hatte diese Partie eigentlich lange Zeit im Griff gehabt, führte mit 2:0 nach Sätzen. Der Mann aus der damaligen Tschechoslowakei war, was Disziplin und Berufsauffassung als Profi angeht, seiner Zeit voraus. Lendls Erfolge waren am Reißbrett geplant. Er war austrainierter als die meisten Kollegen seiner Zeit, unterwarf sich schon damals einer speziellen Diät und legte das Spielgerät aus der Angst heruas , seine Schläge „zu verlieren“, auch in Turnierpausen immer höchstens ein paar Tage am Stück aus der Hand. Ein Besessener, der fest daran glaubte, dass seine drei Titel in Roland-Garros einfach das logische Ergebnis dieser Akribie waren. Und dass er auch 1989 jeden schlagen würde. Einfach weil er besser vorbereitet war und den besseren Plan hatte als alle anderen.

Chang bringt Lendls Programm zum Absturz

Chang gelang es aber in den letzten drei Sätzen ihres Matches, diesen Glauben nachhaltig zu erschüttern. Weil er Mittel anwendete, die für einen Lendl, der sein Tennis wie ein Computerprogramm abspulte, nicht vorhersehbar waren. Und die nicht in dessen Vorstellung davon, wie ein Tennisspiel abzulaufen hat, hinein passten.

Der junge Amerikaner brachte das „System Lendl“ zum Absturz. Erst bewusst mit Mondbällen, gegen die ein erst verdutzter und dann verärgerter Weltranglistenerste  keine Mittel fand. Dann später ab Satz vier eher unfreiwillig durch seine körperlichen Schwächen. Ein von Krämpfen geplagter Gegner, der aber nicht aufgibt und immer wieder doch noch auch scheinbar in diesem Zustand unerreichbare Bälle zurück bringt – auch das passte nicht in das Schema des Weltranglistenersten von einem „normalen“ Tennisspiel.

Chang greift tief in die psychologische Trickkiste - mit Erfolg

Der haushoe Favorit Lendl ließ sich mehr und mehr verunsichern und verlor auch den vierten Durchgang. Im Entscheidungssatz griff Chang dann schließlich ganz tief in die psychologische Trickkiste. Bei 4:3 schlug er urplötzlich von unten auf. Ein verblüffter Lendl spielte den Return zwar ins Feld, ließ sich danach aber am Netz von Changs Schlag überraschen. Das Publikum tobte, Lendl schäumte.

Seinen endgültigen Höhepunkt fand das Match dann bei seinem letzten Ballwechsel, der gar keiner mehr war. Bei zweitem Aufschlag Lendl und Matchball für sich rückte Chang von der normalen Returnposition bis an die Aufschlaglinie vor. Ein entnervter Lendl servierte einen Doppelfehler zum 4:6, 4:6, 6:3, 6:3, 6:3 für Chang.

Der jüngste Sieger der Grand-Slam-Geschichte

Michael Changs Weg im Turnier ging nach diesem Kraftakt – fast noch überraschender als der Sieg gegen Lendl – noch höchst erfolgreich weiter. Er spielte sich bis ins Finale und holte dort gegen Stefan Edberg als bis heute jüngster Spieler der Grand-Slam-Historie den Titel. Von unten schlug er dabei, wie auch den kompletten Rest seiner Karriere (die übrigens ohne weiteren Grand-Slam-Titel endete), nicht mehr auf.

(Bild © imago images / Stockoff)

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Christian Schwell
am 05.06.2019 gepostet von:
Christian Schwell
Redakteur
Christian ist wie so viele im Zuge des Becker-Booms zum Tennis gekommen. Ein Tennis-Verrückter, der seine Texte gerne mit etwas Humor würzt. Der ist besser als sein Tennisspiel. Glaubt er.

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