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Steffi Graf und ihr perfektes (Tennis-)Jahr

14.06.2019|18:00 Uhr|von Adrian Rehling
Steffi Graf und ihr perfektes (Tennis-)Jahr

Im zarten Alter von 19 Jahren erklomm Deutschlands beste Tennisspielerin aller Zeiten bereits den Sport-Olymp. 

Zu Beginn des Jahres 1988 war Steffi Graf zwar viel zugetraut worden, dass sie sich aber Anfang Oktober mit dem Golden Slam in die Geschichtsbücher wird eintragen können, damit hätte wohl niemand gerechnet.

Jean Borotra, einer der berühmten französischen Tennis-Musketiere (inzwischen verstorben), schwärmte damals:

"Eine Persönlichkeit wie Steffi hat es in der Tennis-Geschichte noch nicht gegeben."

Dabei war Stefanie Maria Graf – wie sie mit vollem Namen heißt – zu diesem Zeitpunkt in ihrer Persönlichkeit noch gar nicht wirklich gereift. Wie denn auch, mit ihren 18 beziehungsweise später 19 Jahren?

Ohne Satzverlust zum Melbourne-Titel

Alles begann bei den Australian Open in Sydney. Die Rechtshänderin fegte mit ihrem druckvollen Spiel von einer Runde zur nächsten.

6:3, 6:1.
6:0, 6:1.
6:1, 6:2.
6:0, 7:5.
6:2, 6:2.
6:2, 6:3.
6:1, 7:6.

Kein Satzverlust bis zum Endspiel gegen die Amerikanerin Chris Evert. Auch kein Satzverlust gegen Evert selbst. In den sieben Partien gab Graf nur 29 einzelne Spiele ab, das sind im Schnitt lediglich knapp vier pro Match. Eine überragende Bilanz. Einzig im Finale musste sie ein wenig zittern. Ziemlich unnötig, aber da zeigte sich noch ein wenig ihre Unerfahrenheit. Gegen Evert führte die Deutsche bereits mit 6:1, 5:1, ehe es plötzlich 5:6 im zweiten Durchgang hieß. Steffi rettete sich in den Tiebreak – und holte den Pokal. Evert sagte im Anschluss an die Niederlage voller Respekt:

"Steffi ist klar die Nummer eins!"

Die australische Legende Rod Laver sprang auf die Lobeshymnen direkt mit auf und traute Graf schon zu diesem frühen Zeitpunkt des Jahres zu, den kaum für möglich gehaltenen Grand Slam zu holen. Die junge Deutsche selbst war sich da noch nicht so sicher:

"Nun mal langsam. Siege in Paris, Wimbledon und Flushing Meadows sind noch in weiter Ferne."

Eine Brille im French-Open-Endspiel

Knapp vier Monate später konnte sie auch hinter die French Open erfolgreich einen Haken setzen. Mit Auftritten, die es in dieser Souveränität nur selten zuvor und auch nur selten danach gegeben hat.

6:0, 6:4.
6:1, 6:0.
6:0, 6:1.
6:1, 6:3.
6:0, 6:1.
6:3, 7:6.
6:0, 6:0.

Eine Brille im Finale! Für das Endspiel gegen die Weißrussin Natallja Swerawa benötigte Graf nur mickrige 34 Minuten. Dieses Match am 4. Juni 1988 ist bis heute das schnellste Grand-Slam-Endspiel der Geschichte. In den zwölf Aufschlagspielen ließ Steffi nur ganze 13 Punkte der Kontrahentin zu. In der Umkleidekabine nahm sie die 17-Jährige, die Tränen im Gesicht hatte, dann in den Arm:

"Es hätte komisch ausgesehen, wenn ich ihr ein Spiel geschenkt hätte. Damit wäre sie nicht zufrieden, andere auch nicht."

Auch zuvor nahm die Deutsche überhaupt keine Rücksicht auf die Konkurrenz. Waren es in Melbourne immerhin noch 29 einzelne Spiele, die die Gegnerinnen sich holen konnten, so waren es in Paris nur 20. Und damit weniger als drei im Schnitt.

Navratilovas Vorherrschaft in Wimbledon beendet

Natürlich setzte Steffi Graf diesen phänomenalen Lauf auch auf Rasen in Wimbledon fort. Kurz vor dem Turnier war sie 19 Jahre alt geworden, zählte aber schon längst zu der ganz großen Nummer im Damentennis. Im Endspiel ging es dann gegen eine Kontrahentin, die die Jahre zuvor das Rasenturnier dominiert hatte: Martina Navratilova. Und die Tschechin schien Graf tatsächlich eine Niederlage beibringen zu können. 5:7, 0:2 stand es aus Sicht der Deutschen. Was dann folgte, war einfach nur zum Augenreiben. Es klappte einfach alles bei Graf. Nahezu jeder Aufschlag saß, die Vorhand peitschte ein um andere Mal präzise auf die Linien, auch die Volleys waren erfolgreich.

Wenig später hieß es 5:7, 6:2, 6:1 – nur einen einzigen Spielgewinn von Navratilova ließ sie noch zu und beendete damit die Wimbledon-Vorherrschaft der Kontrahentin. Es war der erste Titelgewinn Grafs auf dem heiligen Rasen. Diese schwärmte mit der Trophäe in der Hand:

"Ich bin lange nicht so hart gefordert worden. Aber ich wollte unbedingt gewinnen. Durch die wundervolle Atmosphäre hier ist das Gefühl viel größer und schöner."

Es sollte der erste von sieben Wimbledon-Triumphen für die Deutsche sein. Außerdem sicherte sie sich auch noch das Doppel zusammen mit der Argentinierin Gabriela Sabatini.

Graf vs. Sabatini 1.0

Eben jene Sabatini sollte in der Zukunft dann gleich zweimal die Chance bekommen, Steffi auf der anderen Seite des Netzes den näher kommenden Golden Slam zu verderben. Die erste Chance dazu bot sich im Finale der US Open in New York. Graf ging etwas ausgeruhter in das Duell, fegte durch die ersten Runden und kam im Halbfinale ohne Ballwechsel weiter, da Chris Evert verletzungsbedingt nicht antreten konnte.

Das Finale gegen Sabatini wurde dann zu einem lange Zeit offenen Schlagabtausch. Satz eins ging an die Deutsche, dann schaffte die Argentinierin den Ausgleich, ehe Durchgang drei deutlich an die Nummer eins der Welt ging: 6:3, 3:6, 6:1 für Steffi Graf. Der Grand Slam war damit perfekt, die damals 19-Jährie konnte ihr Glück kaum fassen:

"Ich bin unheimlich glücklich. Ich kann das Gefühl noch gar nicht richtig beschreiben."

Graf vs Sabatini 2.0

Bei den Olympischen Sommerspielen in Seoul sollte dann die endgültige Krönung zur Legende folgen. Auf dem Weg dahin passierte Graf allerdings ein für ihre Verhältnisse (Achtung: Ironie) krasser Ausrutscher, als sie im Viertelfinale gegen die Weißrussin Sawtschenko einen Satzverlust hinnehmen musste. Dieser war Warnung genug:

"Nach dem schweren Sieg im Viertelfinale habe ich mich selbst angetrieben für die letzten beiden Spiele."

Im Anschluss fegte sie wieder durchs Turnier, besiegte im Endspiel erneut Sabatini mit 6:3, 6:3. Die Goldmedaille hing funkelnd um den Hals, der Golden Slam war einkassiert. Natürlich mit einem Vorhand-Winner beim Matchball, wie Steffi Graf ihn in diesem Jahr beinahe wie im Schlaf präsentierte.

Obendrein sicherte sie sich auch noch Bronze im Doppel an der Seite von Claudia Kohde-Kilsch. Erst fünf Tennisprofis schafften zuvor den Grand Slam: Don Budge, Maureen Connolly, Margaret Smith Court und gleich zweimal Rod Laver. Dieser hatte Steffi bekanntlich den Golden Slam zugetraut, nämlich schon im Januar. Und genau dieses Kunststück schaffte nur eine Spielerin in der Geschichte des Tennissports: Steffi Graf. Im zarten Alter von 19 Jahren!
72:3-Siege in einer unfassbaren Saison

Es kamen in diesem Jahr noch weitere Trophäen hinzu. Steffi triumphierte in San Antonio, Miami, Berlin, Hamburg, Mahwah und Brighton. Am Ende des Jahres hatte sie phänomenale 72:3-Siege auf dem Konto. All diese Erfolge brachten ihr konsequenterweise die Wahl zur Weltsportlerin des Jahres. Doch Graf erinnerte sich besonders an einen Sieg zurück:

"Gold in Seoul war riesig. Aber das größte war Wimbledon gegen Martina Navratilova. Ich lag hinten und siegte. Das Gefühl nachher war irre."

Irre war auch der Verlauf der weiteren Karriere der Deutschen. Insgesamt sammelte sie 22 Grand-Slam-Titel im Einzel, holte sich 107 Turniersiege, gewann genau 900 Matches auf der WTA-Tour, war insgesamt 377 Wochen die Nummer eins der Weltrangliste (186 Wochen am Stück) und beendete gleich acht Saisons als Weltranglistenerste.

Doch dieser Golden Slam aus dem Jahr 1988 – der steht über allem! Und damit machte sich Steffi Graf schon als Tennis-Teenie zu einer Sportlegende.

(Bild © imago images)

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Adrian Rehling
am 14.06.2019 gepostet von:
Adrian Rehling
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