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Daniil Medvedev 2019: Dauer-Sieger mit Durchknall-Gefahr

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30.11.2019|10:00 Uhr|von Christian Schwell
Daniil Medvedev 2019: Dauer-Sieger mit Durchknall-Gefahr

Große Siege, gleich vier Turnier-Titel und der Aufstieg in die Top 5 der Welt. Aber auch eine Publikumsbeschimpfung, ein Jubel-Boykott und ein Saison-Ende, an dem er mental ausgelaugt wirkte: Für den Russen Daniil Medvedev verlief 2019 äußerst ereignisreich.    

Schon 2018 hatte Medvedev sein Spielniveau und seine Konstanz auf ein neues Level gehoben und sich außerhalb der Top 60 startend unter anderem mit drei Turniersiegen bis zum Saisonende unter die besten 20 Profis der Welt gespielt. Dass er eine weitere Saison später als Nummer fünf (und zeitweise als Nummer vier) der Welt der bestplatzierte Spieler der jüngeren Generation sein würde, hätten trotzdem wahrscheinlich die wenigsten getippt. 

Schon in Melbourne konnte er Djokovic fordern

Angedeutet hat sich seine bevorstehende Leistungsexplosion aber schon früh im Jahr. Erst gab es eine Finalteilnahme beim 250er-Turnier in Brisbane, dann spielte er sich in Melbourne bei den Australian Open bis ins Achtelfinale. Sein dortiges 4:6, 7:6 (5), 2:6 3:6 gegen Novak Djokovic hört sich zwar vordergründig vom Ergebnis her wenig spektakulär an - wer das Match gesehen hat, wird aber schon einen Eindruck vom Potential des jungen Russen bekommen haben. Hinten raus war Medvedev komplett platt und wurde von Krämpfen geplagt. So lange ihn die Füße trugen, konnte er aber einem in Topform agierenden Novak Djokovic in dessen absoulter Domäne namens "Grundlinien-Tennis auf Hartplatz" Paroli bieten - etwas was beim ersten Grand Slam des Jahres sonst niemand gelingen sollte. 

Der junge Moskowiter, der im Februar des Jahres seinen 23. Geburtstag feierte, legte dann auch anschließend bei den europäischen Hallenturnieren nach. Ein Turniersieg in Sofia und die Halbfinal-Teilnahme in Rotterdam zeigten seine weiterhin gute Form, bevor sich Medvedev dann in Doha und bei den beiden Masters-Turnieren in Indian Wells und Miami eine erste spielerische Kunstpause nahm und nur insgesamt drei Matches gewann. 


Deutliche Verbesserung auf dem ungeliebten Sandbelag

Dass 2019 ein neuer und verbesserter Medvedev unterwegs war, sollte sich dann aber schon anschließend in der Sandplatzsaison wieder zeigen. Asche war bisher sein mit Abstand schlechteste Belag gewesen und auch diesmal ging der Höhepunkt der Sand-Saison mit einer Viersatz-Niederlage in der ersten Runde der French Open in die Hose. Was Medvedev allerdings vorher insbesondere in Monte Carlo (Halbfinale) und Barcelona ablieferte, war erstaunlich. Erstmals gelang es dem 1,98-Mann, sein flaches und von relativ wenig Spin geprägtes Spiel auch auf diesen Untergrund erfolgreich zu adaptieren.      

Dass sein flaches Spiel auf Rasen hervorragend funktionieren kann, hatte Medvedev dagegen schon immer wieder mal in den Vorjahren bewiesen. So war seine Halbfinalteilnahme in Queens eher keine Überraschung. Und in Wimbledon hätte man ihm vielleicht sogar schon mehr als zwei gewonnene Matches zugetraut. Sein Pech war, in einem sehenswerten Drittrunden-Match gegen einen äußerst gut aufgelegten David Goffin ganz knapp in fünf Sätzen den Kürzeren zu ziehen.    

Die Phase der "Fast-Unbesiegbarkeit"

Was danach folgte war die absolute Leistungsexplosion. Vom nordamerikanischen Hardcourt-Sommer an schien Medvedev zeitweise das Verlieren verlernt zu haben. Beginnend mit dem August fuhr der Rechtshänder bis Mitte Oktober unglaubliche 29 Siege ein und verlor nur drei Matches. Neben den Turniersiegen  von Cincinnati, St. Petersburg und Shanghai fiel in diese Phase der beinahen Unschlagbarkeit auch mit dem Erreichen des Finales der US Open der bisherige Karrierehöhepunkt des jungen Russen. Dort unterlag er, nachdem er in einem begeisternden Spiel einen 0:2-Satzrückstand wettgemacht hatte nur denkbar knapp in fünf Sätzen dem großen Rafael Nadal.         

In New York zeigt Medvedev sein "facettenreiches" Wesen

Im Verlaufe dieses großen Turniers offenbarte der Jungprofi dann auch der größeren Tennis-Weltöffentlichkeit seinen "facettenreichen" Charakter. Schon früher hatte er sich heftige Dispute mit Schiedsrichtern und Gegnern geliefert, diesmal brachte er praktisch das komplette New Yorker Publikum unter anderem durch eine Stinkefinger-Geste gegen sich auf. Der süffisante Hinweis beim Sieger-Interview, die negative Energie erfolgreich zur Motivation genutzt zu haben, befriedete die Zuschauer auch nicht gerade. Zusätzlich kultivierte er anschließend im weiteren Turnierverlauf die eher sehr ungewöhnliche Angewohnheit, nach dem Matchgewinn auf jegliche Art von Jubelgesten zu verzichten. Immerhin: Später entschuldigte sich Medvedev für seinen Zwist mit den Fans und gab an, sich "wie ein Idiot" benommen zu haben. Bei der abschließenden Siegerehrung des Turniers versöhnte er sich dann nach einer tollen Leistung gegen Nadal auch wieder mit dem US-Open-Publikum.

Zum Saisonende ausgelaugt

Ob sich Medvedev nach den Tour Finals auch bei seinem eigenen Team entschuldigt hat, ist nicht überliefert. Fakt ist aber auf jeden Fall, dass der 23-Jährige körperlich und mental ausgelaugt zum Saisonende nicht mehr seine Leistung abrufen konnte und den Frust darüber bei seinem komplett sieglosen Debüt in London Richtung eigene Box abreagierte. Für ihn und sein Team ist zu hoffen, dass insbesondere die dortige Niederlage gegen Rafael Nadal, bei der er 5:1 im dritten Satz in Führung liegend komplett einbrach und nach Matchball noch verlor, keine bleibenden Spuren hinterlässt.

Falls sich Medvedev allerdings in den nächsten Wochen wieder in die Form regeneriert und trainiert, die ihn durch weite Teile von 2019 getragen hast, ist er einer der ersten Kandidaten darauf, 2020 die Phalanx der großen Drei auch auf Grand-Slam-Ebene zu durchbrechen.


(Bild: (c) imago / ZUMA Press)



  

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Christian Schwell
am 30.11.2019 gepostet von:
Christian Schwell
Redakteur
Christian ist wie so viele im Zuge des Becker-Booms zum Tennis gekommen. Ein Tennis-Verrückter, der seine Texte gerne mit etwas Humor würzt. Der ist besser als sein Tennisspiel. Glaubt er.

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