Jetzt die App myTennis runterladen!

Auch unterwegs immer informiert bleiben & die Welt des Tennis entdecken.

Billboard : 4475835
Pro

Alexander Zverev 2019: Weder Fisch noch Fleisch

Leaderboard : 4475810
Top : 4475800
03.12.2019|13:00 Uhr|von Christian Schwell
Alexander Zverev 2019: Weder Fisch noch Fleisch

Alexander Zverev hat sich 2019 in der Top 10 gehalten und ein Turnier gewonnen. Zusätzlich stand er in Roland Garros im Viertelfinale und konnte beim ATP Masters in Shanghai  sowie beim 500er in Acapulco jeweils das Finale erreichen. Dinge, von denen andere Profis nur träumen. Dass die Saison 2019 in der Bewertung speziell auf ihn bezogen eher als eine der Stagnation oder gar des Rückschritts gesehen wird, überrascht bei näherer Betrachtung trotzdem nicht.

Die Vorleistungen aus 2018 setzen die Messlatte hoch an

Allein schon die Leistungen aus aus 2017 und 2018 mit dem Sieg bei den Tour Finals als Höhepunkt hatten die Messlatte für den Hamburger, der im April diesen Jahres seinen 22. Geburtstag feierte, extrem hoch angelegt. 2018 beendete er als Nummer vier der Welt, der nächste Schritt sollte dann 2019 mit einem verbesserten Abschneiden bei den vier Grand-Slam Turnieren folgen. Zwar erreichte Zverev im Januar erstmals das Achtelfinale bei den Australian Open, eine Dreisatz-Niederlage gegen einen beständig angreifenden Milos Raonic war aber eher ein erster Dämpfer in der noch jungen Saison.


Zverev bekommt 2019 keine Konstanz in sein Spiel

Der Turnierverlauf beim ersten wichtigen Event des Jahres kann eigentlich als Omen und Bild für die gesamte Saison stehen: Zverev spielte in Melbourne zwei gute und souveräne Matches, wurschtelte sich dazwischen über fünf Sätze gegen Jeremy Chardy durch und fand dann gegen Raonic nie wirklich ins Match hinein. So sollte es im Kleinen wie im Großen übers Jahr hinweg weiter laufen. Er hatte große Mühe, von einem Turnier, von einem Match oder von einem Satz zum anderen Konstanz in sein Spiel zu bringen. Wochen wie die in Acapulco im Februar (Niederlage erst im Finale im Finale gegen Kyrgios) oder im Mai im Genf (Turniersieg) schienen dazu angetan zu sein, den Knoten platzen zu lassen - so richtig gelang das aber nie.

Auch dem versöhnlichen Abschluss der Sandplatzsaison, bei dem er in Roland Garros seine Viertelfinalteilnahme aus dem Vorjahr wiederholte, folgte nicht die erhoffte Wende in spielerisch konstantes Fahrwasser. Auf Rasen leistete sich Zverev einige ganz schwache Auftritte, einer davon bedeute das Erstrunden-Aus gegen Jiry Vesely in Wimbledon. 


Vorhand und Aufschlag wackeln übers Jahr hinweg gewaltig

Spätestens zu diesem Zeitpunkt waren die Verunsicherungen im Spiel des Hamburgers deutlich zu erkennen und manifestierten sich vor allen Dingen in Fehlern bei Vorhand und beim zweitem Aufschlag. Insgesamt schien Zverev zeitweise seine spielerische Linie zu verlieren und in den Ballwechseln deutlich defensiver zu agieren als noch in den Vorjahren. Und das ohne die dafür erforderliche Schlagsicherheit an den Tag zu legen. Das setzte sich bei seiner Stippvisite in die Hamburger Heimat (Niederlage im Halbfinale gegen Basilashvili) genau so fort wie anschließend auf den Hartplätzen Nordamerikas. Zverevs Mangel an Matchpraxis und Selbstvertrauen im Vergleich zu den Vorjahren beeinflusste sein Spiel immer wieder gerade in den engen Match-Situationen äußerst negativ. Zudem weitete sich das Aufschlag-Problem noch aus. Über die Saison hinweg servierte der eigentlich gute Aufschläger gleich 385 Doubletten.

Im Spätsommer in Amerika waren es dann oft Doppelfehler im zweistelligen Bereich, die die Matches des Deutschen negativ beeinflussten. Mit so vielen Geschenken auf dem Platz reicht es dann gegen solide Akteure wie Diego Schwartzmann nicht mehr - mit 17 Doppelfehlern als selbstauferlegte Bürde verlor Zverev gegen den Argentinier im Achtelfinale der US Open. Damit war die Grand-Slam-Saison auch schon gelaufen. Während andere junge Spieler wie Tsitsipas und Medvedev auf dieser Ebene nun Halbfinal- und Final-Erfahrung vorweisen, tritt Zverev bei den großen vier Turnieren auf der Stelle. 

Probleme abseits des Courts rauben Konzentration

Zu der schwankenden Leistung auf den Courts dieser Welt mag  bei Alexander Zverev auch die eine oder anderen Ablenkung außerhalb der Matches beigetragen haben: Der Rechtsstreit mit seinem Ex-Mangager Apey und der Wechsel zu Federers Management-Team, eine zunehmend seltsam anmutende Trainer-Spieler-Beziehung zu Ivan Lendl, der erst selten vor Ort war und sich dann ganz verabschiedete. Vielleicht auch private Turbulenzen im Liebesleben des Deutschen. Alles nicht gerade förderlich für die volle Konzentration auf dem Platz.

So blieben Turniere wie das Masters in Shanghai, bei dem er trotz seiner Finalniederlage gegen einen überragenden Daniil Medvedev durchgehend gute Leistungen abrufen konnte, über das ganze Jahr hinweg Mangelware. Immerhin: Die Qualifikation für die Tour Finals in London gelang Zverev mit Platz sieben in der Welt entgegen der Vermutung vieler Skeptiker als Titelverteidiger doch noch. Und sein dortiges Vordringen ins Halbfinale kann sicherlich auch nicht als Selbstverständlichkeit gesehen werden. Die Herren Nadal und Djokovic werden das sicher bestätigen. 

Im "Krisenjahr" die Nummer sieben der Welt 

Überhaupt liegt hier auch die Hoffnung für diejenigen, die es gut mit Alexander Zverev meinen: Zverev ist nach einem Jahr, das allgemein als äußerst problematisch angesehen wird, in dem es eine spielerische Stagnation und Rückentwicklung gab und in dessen Verlauf er nur höchst selten sein komplettes Leistungsvermögen auf den Platz gebracht hat,  die Nummer sieben der Welt. Weit entfernt also von Abstürzen in der Rangliste, wie sie andere Spieler in ähnlichen Situationen erlebt haben. Das zeigt sein enormes Potential. Dazu ist Zverev mit 22 Jahren noch jung genug, um aus Erfahrungen zu lernen und Dinge auf und neben dem Platz zum Positiven zu verändern. Schritte in diese Richtung zu gehen, das sollte sein Hauptziel für 2020 werden.             

(Bild: (c) imago images / Eyepix Group)

WAS IST DEINE MEINUNG?
Lustig

LUSTIG

0

Liebe

LIEBE

0

Oh man...

OH MAN...

0

Wow

WOW

0

Traurig

TRAURIG

0

Wütend

WüTEND

0

Christian Schwell
am 03.12.2019 gepostet von:
Christian Schwell
Redakteur
Christian ist wie so viele im Zuge des Becker-Booms zum Tennis gekommen. Ein Tennis-Verrückter, der seine Texte gerne mit etwas Humor würzt. Der ist besser als sein Tennisspiel. Glaubt er.

» Zu den Beiträgen von Christian Schwell