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Geburtstag

Der Mann, der lächelte

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07.03.2020|10:00 Uhr|von Christian Schwell
Der Mann, der lächelte

Der Stempel, der Ivan Lendl früher als Spieler wie später als Trainer aufgedrückt wurde, ist schlichtweg falsch. Als durchgängig grimmig und emotionslos wurde der gebürtige Tscheche, der am 7. März seinen 60 Geburtstag feiert, immer wieder beschrieben -  zu seiner aktiven Zeit geradezu diffamiert. Gerne wurde und wird in die bewährte Schublade des immer gleich schauenden Stoikers gegriffen, auch wenn selbst eine einfache Google-Suche schnell ein anderes Bild zeichnet.

Mehr als nur "Ivan der Schreckliche"

Ja, Lendl sah sowohl seinen Job als Profi wie als Coach ganz offensichtlich als eine Aufgabe, der man konzentriert und ernsthaft nachgehen sollte. Beobachtete und beobachtet man ihn aber abseits laufender Ballwechsel, entsteht ein weit weniger eindimensionales Bild.  Der ehemalige Davis-Cup-Profi Bernd Karbacher, der 1994 Lendls Gegner bei dessen letzten Auftritt als Profi war, beschreibt dessen Charakter schon gänzlich anders: "Er hat einen ganz trockenen und bissigen Humor gehabt. Er war schon ein guter, witziger Vogel". "Sehr lustig" fand Karbacher ihn.

Und auch wenn man sich spätere öffentliche Auftritte und Interviews des Mannes ansieht, der einer der größten Konkurrenten von Boris Becker war (Karrierebilanz: 11:10 für Lendl) und diesem lange den Sprung auf Platz eins der Weltrangliste verwehrte, erkennt man einen aufgeräumten, intelligenten Menschen, der seinen Gesprächspartnern freundlich lächelnd aber auch mit feiner Ironie begegnet.               

Eine absolut herausragende Profi-Karriere 

Tatsächlich hatte Lendl schon als aktiver Spieler viel Grund zur Freude. Nach zwei Junioren-Titeln in Roland Garros und Wimbledon wurde er 1978 Profi und begann schon nach einem Jahr auf der Tour mit seinem Angriff auf die Weltspitze. 1979 holte er seinen ersten Titel, ein Jahr später waren es schon deren sieben. 1981 gewann er zehn Turniere und 1992 holte er bei 23 Starts 15 Turniersiege - eine unglaubliche Quote. Nur bei den Grand Slams wollte sich zunächst der ganz große Erfolg nicht einstellen, zwischen 1981 und 1983 verlor er insgesamt vier Endspiele in Paris, New York und Melbourne, galt als Verlierer-Typ wenn es um die wichtigen Titel ging.   

Ab 1984 sollte sich das grundlegend ändern. In einem dramatischen French-Open-Finale  besiegte Lendl  den Amerikaner John McEnroe noch in fünf Sätzen, nachdem er die Sätze eins und zwei verloren hatte und auch im dritten Durchgang schon mit 2:4 hinten lag. Es sollte der erste von insgesamt acht Grand-Slam Triumphen sein. In Frankreich gewann er noch zweimal (1986,1987), bei den Australian Open holte er den Titel 1989 und 1990 und in New York war er von 1985 bis 1987 unschlagbar.

Nur Sieg in Wimbledon bleibt ihm verwehrt

Gerade im von Wimbledon besessenen Deutschland haftete ihm allerdings trotz dieser und 86 weiterer Turnier-Erfolge sowie insgesamt 270 Wochen an der Spitze der Weltrangliste das Image des bärbeißigen Verlierers an, der trotz aller Bemühungen nie den Titel an der Church Road erringen konnte. Dabei konnte man es objektiv gesehen auch umgekehrt betrachten: Lendl, dessen normaler Grundlinien-Stil unter den damaligen Bedingungen in Wimbledon nicht wirklich ein Siegversprechen war, adaptierte mit großem Aufwand erstaunlich gut und spielte sich immerhin zweimal in Folge bis ins Rasen-Finale durch. Etwas, was zum Beispiel Boris Becker bei seinem persönlichen Albtraum-Slam namens Roland Garros nie gelingen sollte.       

Als Perfektionist seiner Zeit voraus

Überhaupt war Lendl ein Meister und Vorreiter darin, sich möglichst perfekt auf die verschiedenen Herausforderungen des Profitennis vorzubereiten und einzustellen.  Früher als andere fing er schon in den 80ern damit an, sich über alle Aspekte des Spiels Gedanken zu machen und möglichst alles, was er selbst in der Hand hatte, zu kontrollieren und optimieren. Er stellte lange  bevor es für Sportler in Mode kam seine Ernährung um, hatte schon früh einen Athletik-Coach, der ihn über das reine Tennisspiel hinaus fit machte. Aus Angst, aus dem Schlag zu kommen, machte er zeitweise nie länger als ein paar Tage am Stück Urlaub. In Vorbereitung auf die US Open ließ er sich von den Original-Tennisplatzbauern aus New York einen US-Open-Hardcourt im heimischen Garten in Connecticut anlegen.

Er suchte und fand Lösungen, war auch bereit, ungewöhnliche Wege zu gehen. Für das Serve & Volley in Wimbledon stieg er auf einen Schläger mit größerer Schlagfläche um, gegen die Sonne von Melbourne brachte er das Legionärs-Käppchen mit Nackenschutz auf dem Platz. Und gegen seine schwitzenden Hände packte er sich Sägemehl in die Taschen seiner Tennishose, statt ständig und spielverzögernd zum Handtuch zu rennen.     

Michael Chang bringt das "System Lendl" zum Absturz

Dieser Drang zur Kontrolle könnte auch eine Erklärung für die wohl bekannteste Niederlage Lendls sein. Was Michael Chang in ihrem Duell in Paris im Jahre 1989 mit Mondbällen und Unterhand-Aufschlägen abzog, war im "Programm" des Ivan Lendl einfach nicht vorgesehen. Folge: Der Tennis-Supercomputer stürzte ab, fand kein Mittel gegen das Unvorhersehbare. 

Die Zusammenarbeit mit Alexander Zverev funktioniert nur kurzzeitig

Ob viele Jahre später auch Alexander Zverev das "System Lendl" zum  Ende ihrer Spieler-Trainer-Beziehung zum Absturz brachte, bleibt aufgrund unterschiedlicher Aussagen der beiden eher ungeklärt. Von außen betrachtet scheint auf jeden Fall, anders als in der sehr erfolgreichen Zusammenarbeit von Lendl und Andy Murray, hier weniger die Kombination von zwei perfektionistisch veranlagten Seelenverwandten der Grundgedanke gewesen zu sein. Sondern mehr die Hoffnung, dass der junge Deutsche etwas von einem völlig anders strukturierten Mentor dazulernen könnte. Der Ansatz hat auch zeitweise Früchte getragen, zeigte dann aber schneller als erwartet und bevor die postulierten ganz großen Ziele erreicht wurden deutliche Abnutzungserscheinungen. Wer da letztendlich zuerst entscheidend die Lust verloren hat, wird wahrscheinlich im Dunkeln bleiben.       

Seit dem Ende seiner Zeit als Zverev-Trainer im Juli 2019 hat Lendl keinen neuen Job im Tenniszirkus angenommen. Langweilig wird im sicherlich nicht sein, schon sein letzter Schützling hatte ja beklagt, dass der Mann aus Ostrava in Tschechien, der seit 1992 die US-amerikanische Staatsbürgerschaft hat, in Form seines Hundes und des Golfspiels eher zu viele als zu wenige Interessen abseits des Tennisplatzes hat. Womit auch immer sich Ivan Lendl an seinem 60. Geburtstag beschäftigt: Entgegen aller Klischees wird das Lächeln dabei sicher nicht zu kurz kommen. 

(Bild: (c) imago images / Revierfoto)          

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Christian Schwell
am 07.03.2020 gepostet von:
Christian Schwell
Redakteur
Christian ist wie so viele im Zuge des Becker-Booms zum Tennis gekommen. Ein Tennis-Verrückter, der seine Texte gerne mit etwas Humor würzt. Der ist besser als sein Tennisspiel. Glaubt er.

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