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Andre Agassi - eine Ikone des Tennis wird 50

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29.04.2020|10:00 Uhr|von Christian Schwell
Andre Agassi - eine Ikone des Tennis wird 50

Rückblick ins Jahr 1988: Wie bei den meisten Angehörigen meiner Generation, die vor nicht allzu langer Zeit angefangen haben Tennis zu spielen, hat das einzig und allein mit dem Wimbledonsieg Boris Beckers 1985 zu tun. Der Becker-Boom erfasst ganz Deutschland, Tennis wird Volkssport. So richtig Feuer und Flamme für einen einzelnen Spieler bin ich aber erst, als ich knapp drei Jahre später im Fernsehen den jungen Andre Agassi bei den French Open spielen sehe. Der wird jetzt 50 Jahre alt und hat eine sportliche Geschichte hinterlassen, die in ihrer schillernden Art und Weise im Tennissport einzigartig ist.   


Agassi sticht sofort heraus

Schon damals zu Beginn seiner Karriere sticht Agassi heraus. Zwar gibt es in den Top Ten diverse Spielstile, vom praktisch durchgängig Topspin-Lob von der Grundlinie spielenden Kent Carlsson bis zu den ständig angreifenden Boris Becker und Stefan Edberg, rein äußerlich geht es aber einheitlich eher brav daher. "Überwiegend weiß" ist das Motto der Bekleidung nicht nur in Wimbledon, auch ansonsten gibt man sich modisch wenig experimentell oder extravagant.

Agassi ändert das und wird so eine Identifikationsfigur für eine junge Generation. Er hat lange Haare, damals sind es offensichtlich sogar noch komplett seine eigenen. Und er trägt Jeansshorts auf dem Platz. Die waren eigentlich für John McEnroe gedacht, dem sie aber nicht zusagten. So gibt Nike sie Andre Agassi, es ist der Startschuss zu einer ganzen Reihe von Outfits, die ich damals super fand, heute vielleicht eher nur noch "außergewöhnlich". Die Jeansshorts werden später durch Radlerhosen in Neonfarben ergänzt, die Shirts haben wilde Muster. 80er-Mode halt. Jedenfalls wechselt über die nächsten Tennis-Saisons hinweg viel Geld meiner Eltern Richtung Nike den Besitzer, ich bin fortan ein glühender Fan des Amerikaners.


Der erste Triumph ausgerechnet in Wimbledon

Sportlich gilt der junge Mann aus Las Vegas spätestens nachdem er 1988 in Roland-Garros das Halbfinale erreicht und dort dem überragenden Spieler des Jahres Mats Wilander alles abverlangt als der kommende Superstar und wird auch so vermarktet. Er hat auch Erfolge und etabliert sich unter den ersten zehn Spielern der Weltrangliste, der ganz große Erfolg bei Grand-Slam-Turnieren bleibt aber - Parallelen zu heutigen Jungprofis drängen sich auf - zunächst aus. Schlimmer noch: Agassi verliert 1990 und 1991 gleich drei Finalspiele bei Grand Slams als jeweiliger Favorit und gilt fortan als Spieler, der in den ganz großen Matches nicht seine Leistung abrufen kann. Ganz im Gegenteil ausgerechnet zu seinen Landsmännern Jim Courier und Pete Sampras, die beide große Titel holen. 

Das änderst sich erst 1992 in Wimbledon. Zu dieser Zeit dominieren dort komplett aufschlagstarke Spieler, die beständig den Weg zum Netz suchen, die äußeren Bedingungen inklusive des Rasens sind noch viel mehr auf diese Spielweise zugeschnitten. Agassi hat bis auf seinen exzellenten Return eigentlich keinen Schlag, der für diese Art von Tennis gemacht scheint, er hat Wimbledon zwischen 1988 und 1990 dreimal in Folge einfach ausgelassen. Zwei Jahre später besiegt er hier in fünf Sätzen den Kroaten Goran Ivanisevic, besiegt seinen Grand-Slam-Fluch und holt sich vollkommen überraschend den Wimbledon-Titel.           


Ein positiver Doping-Test

Trotzdem kommt seine Karriere noch lange nicht in reine Erfolgs-Fahrwasser. Agassis Weg bleibt wechselhaft, er kämpft in den nächsten Jahren nicht nur gegen seinen großen Rivalen Pete Sampras, sondern auch gegen Verletzungen, Selbstzweifel und die Angst, den Ansprüchen der Öffentlichkeit, vor allen Dingen aber auch seines dominanten Vaters, nicht gerecht zu werden. Er bekämpft die Versagensängste auch mit der Droge Crystal Meth, wie er später in seiner Autobiographie zugibt. Ein in der Folge positiver Dopingtest wird mit Hilfe der ATP verschleiert und bleibt ohne echte Konsequenzen.   

Erfolge und Abstürze in den mittleren Karriere-Jahren

Für Gesprächsstoff sorgt Agassi in diesen mittleren Jahren seiner Karriere in vielfacher Hinsicht, für Fans wie mich gibt es Grund zur Freude und Sorge. Er holt sich die US Open 1994 und die Australian Open 1995 und wird Weltranglistenerster. Er holt sich in Atlanta olympisches Gold. Privat trennt er sich sowohl von Ehefrau Brooke Shields als auch vom spärlichen Rest seines Haupthaares sowie dem den Haarausfall verschleiernden Haarteil. In einer Karriere mit vielen Hochs und Tiefs geht es 1997 schließlich besonders weit herunter, in der der Weltrangliste bis auf Platz 141. Die sportliche Geschichte scheint hier schon unrühmlich zu Ende zu gehen.  


Die erfolgreichste Phase und die große Liebe zum Schluss 

Agassi berappelt sich aber und beginnt stramm auf die 30 zugehend noch einmal ein neues Kapitel seiner Karriere, erstaunlicherweise seine erfolgreichste Phase, in der er auch noch zusätzlich entscheidende Weichen für seine private Zukunft stellt. In Paris gewinnt er 1999 nicht nur den Titel von Roland-Garros und wird so der zu diesem Zeitpunkt erst fünfte Spieler, der alle Grand Slams mindestens einmal gewinnen kann, er wirbt auch verstärkt (und erfolgreich) um das Herz einer Frau, die dem ersten Augenschein nach so gar nicht zu ihm passen mag: Die introvertierte Steffi Graf, die sich damals auf der Zielgeraden ihres Profi-Daseins befindet (und in Paris ihren letzten großen Titel holt) und der vordergründig so schrille Agassi: Das scheint überhaupt nicht zusammen zu passen. Seine Ausführungen darüber in seinem Buch "Open" und die gemeinsame Geschichte der beiden bis jetzt beweisen eindrucksvoll das Gegenteil. 

Mit Steffi Graf in seiner Box und in seinem Leben gewinnt Agassi noch vier weitere Grand-Slam-Titel, bevor 2006 der Köper nach etlichen Jahren harten Profitennis einfach nicht mehr mitmacht. Bei den US Open beendet eine Niederlage gegen Benjamin Becker eine Karriere voller Aufs und Abs, überraschender Wendungen, äußerlicher, spielerischer und charakterlicher Metamorphosen. Vom schrillen, von vielen auch als arrogant verschrienen Jungprofi mit den langen Haaren zum von praktisch allen geliebten Tour-Veteranen mit gutem Benehmen und Glatze, dem unglaublicher Respekt entgegen schlägt.


Einer Karriere volle Metamorphosen folgt ein ruhiges Privatleben  

Daran hat sich bis jetzt auch nichts mehr geändert, denn Andre Agassi hat es geschafft, diesen letzten Eindruck seiner Karriere in die Zeit als Privatier und Tennis-Rentner hinüber zu retten. Mit Steffi Graf führt er eine trotz aller Versuche der Yellow-Press skandalfreie Ehe und tritt in der Öffentlichkeit vor allen Dingen dann auf, wenn es um den guten Zweck seiner Charity-Aktivitäten geht. Den Sprung aus dem grellen Rampenlicht heraus ins Privatleben hat er besser geschafft als viele andere. Ich kann ihm heute sorglos einen "Happy Birthday" zum halben Jahrhundert wünschen, höchstwahrscheinlich ist er tatsächlich sehr viel glücklicher und in sich ruhend als an diversen anderen der 49 vorherigen.   

              

(Bild: (c) imago images)  

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Christian Schwell
am 29.04.2020 gepostet von:
Christian Schwell
Redakteur
Christian ist wie so viele im Zuge des Becker-Booms zum Tennis gekommen. Ein Tennis-Verrückter, der seine Texte gerne mit etwas Humor würzt. Der ist besser als sein Tennisspiel. Glaubt er.

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