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22.06.2010: Elf Stunden Tennis-Geschichte beginnen

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22.06.2020|13:00 Uhr|von Christian Schwell
22.06.2010: Elf Stunden Tennis-Geschichte beginnen

Sporthistorische Ereignisse deuten sich oft im Vorfeld an, allein schon über ihre Eckdaten. Wenn ein großer Titel zu vergeben ist, ein Sportler dicht vor einer Rekordmarke steht oder seine Titelsammlung komplettieren kann, wenn ein absoluter Außenseiter in einem wichtigen Wettkampf auf eine Weltgröße des jeweiligen Sports trifft und die Chance bekommt eine Sensation zu schaffen. Als aber am 22.06.2010 um kurz vor 18.00 Uhr der Amerikaner John Isner und der Franzose Nicolas Mahut den kleinen Platz 18 der Tennisanlage in Wimbledon betreten, liegt nichts in dieser Art in der Luft. 

Zwei Nebendarsteller rücken in den Mittelpunkt

Ja, es sind zwar die All England Championships und damit das bedeutendste Tennisturnier der Welt, welches hier ausgetragen wird. Aber es ist eine schnöde Erstrundenpartie und weder Isner noch Mahut scheinen das Zeug zu haben, 2010 diesem Event in irgendeiner Weise ihren Stempel aufdrücken zu können, schon gar nicht in ihrem direkten Aufeinandertreffen. Man fragt sich in diesem Jahr, ob Roger Federer seinen Titel von 2009 verteidigen kann. Oder ob Rafael Nadal eine Wiederholung seines Coups von 2008 gelingt. Vielleicht noch, ob Andy Murray endlich mit einem Sieg seine Briten glücklich macht. John Isner und Nicolas Mahut sind eigentlich nur Nebendarsteller in dieser großen Show.

Mahut ist zu diesem Zeitpunkt schon 28 Jahre alt und steht ohne Einzel-Turniersieg auf der Tour da, selbst seine größeren Doppel-Erfolge liegen noch vor ihm. Er ist lediglich die 148 der Welt und musste sich über drei Quali-Matches in diese erste Runde kämpfen, hat auch schon fünf Sätze aus dem Finale dieser Qualifikation in den Beinen. Isner dagegen ist mit seinem 25 Jahren immerhin schon die Nummer 19 der Weltrangliste und 2010 in Wimbledon an Nummer 23 gesetzt. Vieles spricht dafür, dass der Amerikaner mit dem starken Service, der im Januar 2010 seinen ersten ATP Titel in Auckland holen konnte, sich als Favorit sicher durchsetzen wird. Ein eher sehr durchschnittliches von 64 Erstrunden-Matches deutet sich an.  

Isners Problem: Er ist Aufschlag- und nicht Rasen-Spezialist

Nur wer wirklich sehr genau hinsieht kann ahnen, dass diese erste Runde auch eine engere Kiste werden könnte. Isner mag auch schon 2010 ein echter Aufschlag-Riese sein, der auf schnellen Belägen unheimlich schwer zu breaken ist. Ein Rasen-Spezialist ist er aber trotzdem nicht. Allein schon die Erfahrung geht ihm ab. In Wimbledon hat er erst einmal gespielt und 2008 in der ersten Runde gegen Ernests Gulbis verloren. 2009 ist er am Pfeifferschen Drüsenfieber erkrankt und spielt deswegen kein einziges Rasen-Match. Das Spiel gegen Mahut ist deswegen seine erste Partie auf dem grünen Geläuf seit knapp zwei Jahren. Zudem stehen seine Return-Fähigkeiten auf schnellen Belegen eher im Kontrast zu seiner Aufschlagstärke. Dem 2,08m-Mann fehlt es doch ein wenig an Beweglichkeit, um seine enormen Fähigkeiten mit dem eigenen Aufschlag auch in Return-Spiele zu transportieren, gerade wenn der Ball wie in Wimbledon schnell und flach abspringt. Dieses Manko soll sich auch weiter durch seine Karriere ziehen, nur 2018 durchbricht er die lange Serie an frühen Niederlagen an der Church Road mit einer Halbfinal-Teilnahme. 


Noch ist es ein ganz normales Match

Mahut ist im Gegensatz zu Isner mit fünf gespielten Matches beim Vorbereitungsturnier in Queens und den drei aus der Wimbledon-Qualifikation gut auf Rasen eingespielt. So bereitet er Isner schon an diesem Dienstag der ersten Wimbledon-Woche mehr Probleme, als dem US-Amerikaner lieb sein kann. Den ersten Satz "schenkt" der Franzose Isner zwar noch, indem er gleich zwei Doppelfehler zu dessen entscheidenden Break zum 5:4 beisteuert, dann aber dreht Mahut auf und kommt in Satz zwei seinerseits zu einem Break und nach einem 6:3 zum Satzausgleich. Erst dann geht das Match so weiter, wie es sich viele vorgestellt haben, nämlich ohne weitere Aufschlagverluste für Isner. Allerdings auch - hier kommen die angesprochenen Return-Schwächen Isners endgültig ins Spiel - über zwei weitere Sätze ohne ein Break für ihn. Und weil Mahut den Tiebreak des dritten Satzes mit 9-7 für sich entscheiden kann, steht John Isner tatsächlich am Ende des vierten Durchgangs kurz vor dem Aus. In einer weiteren Tiebreak-Entscheidung rettet er sich mit 7-3 in den entscheidenden fünften Satz.     

Drei Stunden gespielt - und trotzdem erst am Anfang

Bevor der startet, wird das Match dann wegen Dunkelheit abgebrochen. Da ist es kurz nach 21.00 Uhr, die beiden haben also drei Stunden Tennis hinter sich.  Fraglos ein langes Match, aber nichts wirklich Außergewöhnliches bei einem Grand-Slam-Turnier. Dass es noch acht weitere Stunden weiter gehen wird und sich die Partie zu einem Tennis-Klassiker mit elf Stunden und sieben Minuten Gesamt-Netto-Spielzeit entwickelt, der längsten Auseinandersetzung in der Geschichte dieses Sports also, ahnen also immer noch weder die beiden Spieler noch die Zuschauer, als sie an diesem Abend in der hereinbrechenden Dämmerung die Anlage verlassen. Das wird sich erst in den beiden Fortsetzungen des Matches am Mittwoch und Donnerstag herauskristallisieren.         


(Bild: (c) imago images / Colorsport)           

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Christian Schwell
am 22.06.2020 gepostet von:
Christian Schwell
Redakteur
Christian ist wie so viele im Zuge des Becker-Booms zum Tennis gekommen. Ein Tennis-Verrückter, der seine Texte gerne mit etwas Humor würzt. Der ist besser als sein Tennisspiel. Glaubt er.

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