Jetzt die App myTennis runterladen!

Auch unterwegs immer informiert bleiben & die Welt des Tennis entdecken.

Billboard : 4475835
Pro

"Das Masters geht - aber der Davis Cup nicht?"

Leaderboard : 4475810
Top : 4475800
02.07.2020|13:00 Uhr|von Henrike Maas
"Das Masters geht - aber der Davis Cup nicht?"

Die Corona-Pandemie hat die Welt und das, was die Menschen bisher als normales Leben empfanden, gehörig auf den Kopf gestellt. Kein Bereich des Alltags, der nicht von neuen Regeln und Einschränkungen betroffen ist. Besonders hart trifft die Pandemie auch den globalen Profisport. Als oftmals international ausgetragene Großereignisse mit zahlreichen Teilnehmern und Gästen aus aller Welt, ist an diese Events derzeit kaum zu denken. Zu groß die Gefahr, dass sich eine solche Veranstaltung schnell in ein "Superspreading"-Ereignis verwandelt, bei dem sich viele Personen mit dem Coronavirus anstecken.

Logistische und regulatorische Herausforderungen als zu groß eingeschätzt

Zu diesem Schluss kamen auch die Veranstalter der Davis Cup-Finalrunde, die eigentlich vom 23. bis 29. November in Madrid hätte ausgetragen werden sollen. Wie die ITF (International Tennis Federation) und Veranstalter Kosmos am 26. Juni bekannt gaben, werden die Davis Cup Finals aufs nächste Jahr verschoben. In einer Mitteilung der beiden Organisationen heißt es, dass man nach einer dreimonatigen Auswertung die erheblichen logistischen und regulatorischen Herausforderungen für ein sicheres Abhalten des Events als zu groß ansieht. Immerhin müsste man, selbst wenn man die Veranstaltung ohne Zuschauer abhält, rund 90 Athleten sowie deren Betreuer, Offizielle, Mitarbeiter und weitere Beteiligte an einem Ort sicher zusammenbringen. 

"Es ist eine große Enttäuschung für uns alle, dass die Davis Cup Finals 2020 nicht stattfinden werden. Wir wissen nicht, wie sich die Situation in den einzelnen qualifizierten Nationen entwickeln wird oder ob die Restriktionen in Spanien weiterhin ausreichend gelockert bleiben werden, so dass es unmöglich ist, die Situation im November vorherzusagen und die Sicherheit der nach Madrid Reisenden zu garantieren", wird Gerard Pique, Präsident von Kosmos Tennis, zitiert. Die Veranstaltung ist nun auf das nächste Jahr verschoben und wird in der Woche ab dem 22. November 2021 abgehalten. 

Unverständnis für Entscheidung

Eine Entscheidung, die bei einigen Spielern für Unverständnis und Kritik gesorgt hat. So schrieb der australische Tennisprofi John Millman auf Twitter: "Es sind diese Unstimmigkeiten, die ich ermüdend finde. Zwei Monate bevor der Davis Cup stattfinden sollte, werden wir am gleichen Veranstaltungsort in Madrid das Masters spielen. Hinsichtlich der Zuschauerzahlen gab es bei diesem Event im letzten Jahr ja schon eine gewisse Menge an 'social distancing'."

Auch der US-Amerikaner Taylor Fritz kann das Vorgehen nicht wirklich nachvollziehen: "Ich hatte mich sehr darauf gefreut. Ich verstehe nicht wirklich, warum wir nach den US Open erst in Madrid spielen können, aber zwei Monate später am gleichen Veranstaltungsort dann nicht mehr."

Argumente, die sich grundsätzlich nicht ganz von der Hand weisen lassen. Die Davis Cup Finals werden in der sogenannten "Caja Magica", einem großen und modernen Tenniskomplex in Madrid, ausgetragen. Dort findet auch immer das jährliche Sandplatzturnier von Madrid statt. Aufgrund der Einschränkungen durch die Corona-Pandemie wurde das Masters bzw. das gleichzeitig geplante WTA-Premier-Event vom eigentlich Austragungstermin im Mai 2020 auf die Woche vom 12. bis 20. September verschoben.

Das sind nur zwei Monate vor dem ursprünglichen Termin der Davis Cup-Finalrunde. Als kombiniertes ATP- und WTA-Event kann auch bei der Veranstaltung im September - mit oder ohne Zuschauer - von ordentlich Betrieb auf der Anlage ausgegangen werden. Warum also ist eine Großveranstaltung im September möglich, aber zwei Monate später im November an gleicher Stelle dann nicht mehr? Zumal es, wie Millman es in seinem Tweet ebenfalls leicht ironisch andeutet, bei der ersten Austragung der Davis Cup Finals in 2019 außer bei Partien der spanischen Heimmannschaft nicht wirklich viele Zuschauer gab. Abstandhalten war damals quasi auf natürliche Weise möglich und wäre somit auch in diesem Jahr zumindest technisch durchführbar. Auch fragt sich mancher, warum sich die Veranstalter jetzt schon, fünf Monate bevor das Event hätte starten sollen, festgelegt haben. Man hätte ja auch durchaus noch etwas warten können, wie sich das weltweite Pandemiegeschehen entwickelt, bevor man eine endgültige Entscheidung trifft. 

Zeitraum oder doch Geld der Grund?

Da "technische Durchführbarkeit" aber eben nicht notwendigerweise gleich "sicher für die Gesundheit aller" ist, sehen ITF und Kosmos scheinbar zu große Probleme, um das Event abhalten zu können. Ein weiterer Grund, wenn auch so nicht explizit kommuniziert, könnte zudem der Outdoor vs. Indoor Aspekt sein. Während das Sandplatzturnier im September ein Outdoor-Event ist, müssten beim Davis Cup die Dächer über den Tennisplätzen aufgrund des Novemberwetters geschlossen bleiben. Nach dem, was man bisher über das Coronavirus weiß, breitet es sich in geschlossenen Räumen ohne gute Lüftung einfacher aus. Was das Risiko einer Indoor-Veranstaltung gegenüber einer, die draußen abgehalten wird, erhöht. Zudem gehen verschiedene Wissenschaftler davon aus, dass im Herbst bzw. Winter eine zweite Corona-Welle über die Welt schwappen könnte. Die kalten Temperaturen und die daraus entstehende Verlagerung des Lebens nach innen fördert auch bei anderen viralen Krankheiten wie z.B. der Influenza jedes Jahr die Ansteckungszahlen. Im September stehen die Chancen also besser, auch wenn man sich nie wirklich sicher sein kann. 

Will man dagegen u.a. der französischen Zeitung L'Equipe und Dirk Hordorff, Vizepräsident des DTB, glauben, dann steckt hinter der Absage in Wirklichkeit aber ein anderer Grund: Geld. Laut beider Aussagen kann Kosmos durch die Absage der Veranstaltung 2020 runde 18 Millionen Euro sparen. Nachdem das Turnier letztes Jahr schon gut 50 Millionen Euro verloren haben soll, wäre es für die Veranstalter - allen voran Kosmos - also aus wirtschaftlicher Sicht lohnend, die Finals abzusagen. Auch weil ohne eine Veranstaltung scheinbar keine oder zumindest weniger Geld an die nationalen Tennisverbände fließen wird. Dabei war genau diese finanzielle Aufwertung mal eines der Hauptargumente der ITF gewesen, sich auf das Projekt mit Kosmos einzulassen.

Sind die Behauptungen von Hordorff und L'Equipe zutreffend, wäre die Absage - nur oder zumindest primär wegen des Geldes - ein harter Schlag gegen die Integrität des Sports und ein schlechtes Zeichen. An der Entscheidung von ITF und Kosmos wird sich durch die Kritiker wohl kaum etwas ändern. Denn wenn sich in dieser außergewöhnlichen Situation aufgrund der Corona-Pandemie etwas gezeigt hat, dann dass alle Pläne, die Tennissaison 2020 noch irgendwie aktiv zu Ende zu bringen, meist zu heftigen Kontroversen unter Spielern, Veranstaltern, Offiziellen und Fans führen. Mit dem Endergebnis, dass jeder seinen eigenen Sonderweg beschreitet. Eine von allen getragene Lösung, wie es Millman in seinem Tweet herbeiwünscht, scheint absehbar kaum zu erzielen. So wird wohl weiterhin von Woche zu Woche geschaut, was möglich ist, und auf dieser Basis entschieden. Kein schöner Weg, aber derzeit wohl der einzig machbare.

(Bild © imago images / PanoramiC / Raff2c) 

WAS IST DEINE MEINUNG?
Lustig

LUSTIG

0

Liebe

LIEBE

0

Oh man...

OH MAN...

0

Wow

WOW

0

Traurig

TRAURIG

0

Wütend

WüTEND

0

Henrike Maas
am 02.07.2020 gepostet von:
Henrike Maas
Redakteur
Henrike hat ihre Liebe zum Tennis erst später entdeckt, ist seitdem aber sowohl auf und neben dem Court immer dabei. In den Bereichen Technik, Taktik und Ausrüstung etwas detailverliebt, kann man mit ihr über alles rund um die gelbe Filzkugel reden.

» Zu den Beiträgen von Henrike Maas