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Wimbledon 1985: Becker Begins

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07.07.2020|11:30 Uhr|von Christian Schwell
Wimbledon 1985: Becker Begins

Der prall gefüllte Center Court von Wimbledon in der Totalen. Im Hintergrund schlägt ein junger blonder Mann zur Vorteils-Seite auf. Der Service landet weit außen im Feld, der Spieler im Vordergrund reckt sich vergeblich, berührt den Ball zwar noch mit dem Rahmen, kann ihn aber nicht über das Netz zurückbringen. Umschnitt, Nahaufnahme des Blonden, der jubelnd die Arme hochreißt.

Becker schreibt mit einem Match Sportgeschichte

Dieser kollektive Moment der deutschen Sport- und Fernseh-Geschichte ist 35 Jahre her. Am 7. Juli 1985 verfolgen elf Millionen Zuschauer in Deutschland gebannt im ZDF, wie ein Siebzehnjähriger aus dem Städtchen Leimen in Baden-Württemberg Historisches leistet. Boris Becker schlägt im Endspiel von Wimbledon Kevin Curren mit 6:3, 6:7, 7:6, 6:4, holt sich damit als erster Deutscher, erster ungesetzter Spieler und jüngster Teilnehmer den Titel im Herreneinzel des wichtigsten Tennisturniers der Welt.   

Der steinige Weg ins Finale

Die Möglichkeit einer solchen Sensation hat sich vor Wimbledon zart angedeutet, denn Becker hat das wichtige Vorbereitungsturnier von Queens für sich entschieden. Auf dem Rasenplätzen an der Church Road hat er sich über zwei Wochen lang aber dann durchaus schwer getan, der Weg ins Endspiel war mehr ein Kampf als eine spielerisch-leichte Angelegenheit. Nur ein Match überstand Becker ohne Satzverlust, im Achtelfinale gegen Tim Mayotte (USA) stand er vor der verletzungsbedingten Aufgabe, eine Runde zuvor servierte sein Gegner Joakim Nyström (Schweden) zweimal zum Matchgewinn, bevor er sich mit 7:9 im fünften Satz denkbar knapp beugen musste.   

Der eigentliche Favorit bleibt für immer Nebendarsteller

Beckers Gegner Kevin Curren, der den Deutschen konsequent als Südafrikaner verkauft wird, obwohl er kurz zuvor die amerikanische Staatsbürgerschaft angenommen hat und auch von der ATP so geführt wird, ist an diesem Final-Sonntag in den Augen der breiten Öffentlichkeit zwischen Flensburg und Obersdorf nur der Nebendarsteller und wird er es auch bleiben. Kaum einer der damals angehender Tennisfans wird behaupten können, vor oder nach diesem 7. Juli nochmal ein Match Currens gesehen zu haben, sein deutscher Wikipedia-Eintrag besteht heute aus mickrigen zwei Absätzen.

Dabei ist Curren objektiv betrachtet keinesfalls der Underdog in diesem Endspiel. Die Erfahrung spricht - Kunststück gegen einen Siebzehnjährigen - natürlich für ihn, den elf Jahre älteren Spieler. Er hat aber auch Erfolge vorzuweisen, gerade auf Rasen. Ein Jahr zuvor stand er auf diesem Belag im Endspiel eines anderen Grand-Slam-Turniers, unterlag dem Schweden Mats Wilander bei den Australian Open in Melbourne in vier Sätzen. Im laufenden Wimbledon-Turnier hat er den zukünftigen Sieger Stefan Edberg, den Weltranglistenersten John McEnroe und den Titelverteidiger Jimmy Connors geschlagen. Mehr noch, er hat diese Spitzenspieler regelrecht an die Wand gespielt. Im Viertelfinale gab es ein 6:2, 6:2, 6:4 gegen McEnroe, der große Connors kam im Halbfinale gar mit 6:2, 6:2, 6:1 unter die Räder. Bis zum Finale gibt Kevin Curren 1985 überhaupt nur einen einzigen Satz ab, spielt sich aber trotzdem auch dabei sicher gegen Mike de Palmer aus den USA in vier Sätzen in die dritten Runde. 

Kritische Phase in Satz zwei und drei

Und auch wenn Curren direkt zu Beginn des Finales den zweiten Satz des Turniers verliert, ist er in diesem Match keineswegs chancenlos. Nachdem Becker den zweiten Satz trotz Führung im Tiebreak noch abgibt, scheint es eine ganze Zeit so, als würde das Match jetzt kippen. Curren geht in Satz drei mit Break in Führung und steht dicht vor einer vielleicht entscheidenden Satzführung.

Becker schwankt, er fällt aber nicht. Stattdessen zeigt er eine Fähigkeit, die ihm anschließend über seine gesamte Karriere hinweg noch sehr helfen wird, aber auch dazu beiträgt, dass seine Matches für ihm wohlgesonnene Zuschauer oft zur reinen Nervensache werden: Wie kaum ein anderer Spieler ist Becker trotz allen Zeterns und Haderns in der Lage, mit den unvermeidlichen Leistungsschwankungen über lange Matches hinweg klar zu kommen und sich aus schwachen Phasen wieder herauszukämpfen und zur Konzentration zurückzufinden.

Er schafft das in Satz drei Rebreak und dreht anschließend im zweiten Tiebreak der Partie den Spieß um. Einen Satz später ist er der jüngste Wimbledonsieger aller Zeiten. Auch der letzte Schritt zu diesem Titel gestaltet allerdings sich nochmal zur für Becker so typischen Achterbahnfahrt, denn den ersten seiner drei Matchbälle kann Curren beim Stand von 5:3 aus Beckers Sicht abwehren und verkürzen. Bei 5:4 und zwei weiteren Matchbällen in Folge scheitert Becker zunächst recht kläglich mit einem zweiten Aufschlag, der als Doppelfehler tief unten im Netz landet und den Center Court zum Raunen bringt. Erst der dritte Matchball beendet dann die Partie.     

Der Sieg verändert Beckers Leben und die deutsche Sportlandschaft 

Der Triumph stellt nicht nur das Leben des Boris Becker von einer Sekunde auf die andere auf den Kopf und startet dessen Weltkarriere, er verändert auch Deutschland und seine Sportlandschaft in kürzester Zeit, wie es kaum ein anderes singuläres Ereignis im Sport geschafft hat. Tennis wird von einer absoluten Randsportart zur Nummer zwei hinter Fußball, läuft ständig und stundenlang live im TV und wirft regelmäßig die Programmpläne zeitlich über den Haufen. Die bestehenden Tennisclubs platzen aus allen Nähten und werden durch zahlreiche Neugründungen von weiteren Tennisvereinen ergänzt. Puma-Schläger und Ellesse-Shirts werden den Händlern aus den Händen gerissen. Es stört dabei auch nicht, dass gerade die richtige Aussprache der italienischen Modemarke für viele Fans dauerhaft unklar bleibt.

Für beide Firmen wird der Hype nicht dauerhaft anhalten, auch der Deutsche Tennisbund wir die Millionen, die ihm dieser Sieg Beckers indirekt über Jahre hinweg in die Kassen spülen wird, nicht nachhaltig genug verwenden. Der Tennis-Boom wird irgendwann abebben. Und auch Boris Becker selbst wir trotz einer äußerst erfolgreichen Profilaufbahn, die ihn noch zu zwei weiteren Wimbledon-Titeln, insgesamt sechs Grand-Slam-Erfolgen und zur Spitze der Weltrangliste führt, sehr schnell und sehr hart die Schattenseiten seines Ruhms kennen lernen. Ins Gedächtnis einbrennen werden sich sich aber immer die Bilder dieses 7. Juli 1985, der Becker auf ewig zum "siebzehnjährigen Leimener" und Deutschland zumindest vorübergehend zu einer Tennis-Nation macht. 

(Bild: (c) imago images / Kosecki)         

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Christian Schwell
am 07.07.2020 gepostet von:
Christian Schwell
Redakteur
Christian ist wie so viele im Zuge des Becker-Booms zum Tennis gekommen. Ein Tennis-Verrückter, der seine Texte gerne mit etwas Humor würzt. Der ist besser als sein Tennisspiel. Glaubt er.

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