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#HawkEyeCalling! Keine Linienrichter bei den Finals

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12.11.2020|10:00 Uhr|von Henrike Maas
#HawkEyeCalling! Keine Linienrichter bei den Finals

In der 50-jährigen Geschichte haben die ATP Finals schon so manches erlebt. Ohne Linienrichter musste das Event aber noch nie auskommen. Bis jetzt. Denn wie inzwischen bekannt wurde, wird bei der diesjährigen Ausgabe der Finals kein Linien-Personal eingesetzt werden. Die Entscheidungen über Wohl und Wehe des Ballaufsprungs werden in der gesamten Turnierwoche durch das Hawk-Eye Live elektronisch vorgenommen. Einziger Offizieller auf dem Platz ist der jeweilige Stuhlschiedsrichter.

Der Verzicht auf die Linienrichter ist primär der Corona-Pandemie geschuldet. Aufgrund der gebotenen Hygiene- und Abstandsregeln versucht man beim Turnier, so wenig wie möglich Personen vor Ort dabei zu haben. So muss das Event auch ohne Publikum über die Bühne gehen.

Überwiegend rein elektronische Linienentscheidungen

Auch wenn das Fehlen des Linien-Personals für London neu ist, gibt es generell auf der Tour inzwischen schon einige Erfahrung mit dem Spiel ohne Linienrichter. Denn die überwiegende Zahl der Hartplatz-Turniere, die nach dem Ende der Corona-Pause ausgetragen wurden, hatten sich für eine reine Hawk-Eye-Lösung zur Überwachung der Courts entschieden, den Stuhlschiedsrichter einmal ausgenommen.

So kam in Wien, den beiden Turnieren in Köln, in St. Petersburg und bei den Western & Southern Open (Cincinnati-Masters, diesmal ausgetragen in New York) die Entscheidung vom Computersystem und der Ausruf vom Band. Auch bei den US Open gab es – ausgenommen auf den beiden größten Courts – das Hawk-Eye-Live-System. Nur beim 250er-Turnier in Nur-Sultan (Kasachstan) und beim Masters-Turnier in Paris-Bercy wurden Linienrichter eingesetzt. Dies galt auch für alle Sandplatzevents die nach Wiederaufnahme des Spielbetriebs abgehalten wurden. Weil das Hawk-Eye für eine Entscheidung auf der roten Asche noch nicht voll zugelassen ist, gab es für die Sand-Events allerdings auch keine andere Möglichkeit.

Positive Resonanz

Die rein elektronische Überwachung der Linien wurde von den Profis bisher insgesamt sehr gut angenommen. Kommen die Ausrufe vom Band ja auch schnell und deutlich. Zudem werden bei engen Entscheidungen die Abdrücke meist automatisch auf der Leinwand am Court für alle sichtbar angezeigt. Da hatten die Spieler wenig zu meckern, wobei man einschränkend anfügen muss, selbst wenn mal eine Entscheidung angezweifelt worden wäre, hätte das gleiche System, das den ursprünglichen Call produziert hatte, diesen noch mal überprüft. Womit ein Anzweifeln dann fast zur Redundanz verkommt.

So haderte Alexander Zverev im Halbfinale der bett1HULKS Championships in Köln gegen Jannik Sinner ein paar Mal mit der Technik, konnte substantiell an den Entscheidungen aber nichts drehen. Natürlich wird das System ständig überprüft und bei diskussionswürdigen Calls noch mal nachgeschaut, ob nicht doch irgendwo ein Fehler vorgelegen haben könnte. So ermittelte Hawk-Eye (Firmen- und Systemname sind identisch) laut der New York Times bei den diesjährigen US Open aus 225.000 Calls, die in der ersten Woche elektronisch getätigt wurden, vierzehn, die falsch waren. Alle von ihnen gingen, laut Aussage der Firma, auf menschliche Bedienungsfehler im Kontrollraum zurück.

Ein Blick in die Zukunft?

Damit hat die Corona-Pandemie auch eine alte Diskussion wieder neu belebt, die schon seit längerem im Profitennis geführt wird. Warum noch Linienrichter einsetzen, wenn man das Hawk-Eye hat? Ist das elektronische Auge, wenn auch nicht gänzlich fehlerfrei, doch immer noch deutlich genauer als das menschliche Äquivalent. Somit kann es generell die besseren Entscheidungen treffen. Zudem wird das Hawk-Eye bei den meisten Turnieren sowieso installiert, sodass der Schritt von einer reinen „Challenge“-Nutzung hin zur kompletten Übernahme ja auch nur noch ein kleiner ist.

Novak Djokovic jedenfalls würde eine solche Umstellung begrüßen. Nicht nur wegen seiner Disqualifikation in New York, wo er mit einem Ball eine Linienrichterin am Hals traf, sondern auch, weil es seiner Meinung nach, den Sport verbessern würde. "Bei all meinem Respekt für die Tradition und die Kultur, die wir in diesem Sport haben, wenn es um die Menschen geht, die während eines Spiels auf dem Platz anwesend sind, einschließlich der Linienrichter, sehe ich wirklich keinen Grund, warum nicht jedes einzelne Turnier auf dieser Welt, in dieser technologisch fortgeschrittenen Ära, das haben sollte, was wir während der Turniere in Cincinnati/New York hatten", beschrieb Djokovic seine Sichtweise.

Liebe zur Tradition und Problemfall Sand

In seinem Statement erwähnte der Weltranglistenerste allerdings auch direkt eines der gewichtigsten Argumente oder eher Umstände, für einen Erhalt des Status Quo – die Tradition. Tennis und viele seiner Fans hängen an ihren altbekannten Gepflogenheiten und wollen sich meist nur schwer von ihnen trennen. Auch wäre noch zu klären, ob das Hawk-Eye in Zukunft auch auf Sand eingesetzt werden kann. Tests dazu, besonders mit dem Konkurrenz-System von Foxxtenn, laufen bereits und deuten an, dass es zumindest technisch machbar wäre. Auch wenn dann die Tennisprofis lernen müssten, dass sich der Abdruck auf der roten Asche auch mal vom computersimulierten Abdruck unterscheiden kann. Denn was der Computer aufgrund der tausenden Daten, die er durch die Kameras erhält, als Ballmarke anzeigt, muss sich aufgrund der Beschaffenheit des instabilen Sandes nicht auch auf dem Court genau so zeigen. Doch welche Marke ist dann die Entscheidende?

Auch auf den vermeintlich Hawk-Eye-kompatiblen Belägen wie Hartplatz und Rasen könnte ein Hawk-Eye-Live-Einsatz nicht überall garantiert sein. Denn so ein System einzurichten kostet das Turnier eine Menge Geld, besonders wenn man es auf allen Courts installieren will. Da kann es sich besonders für die kleinen Events immer noch mehr lohnen, nur den Hauptcourt für die Challenges auszustatten und trotzdem weiter auf Linienrichter zu setzen. Auch die kosten Geld, können aber z.B. durch Werbeverträge mit den Sponsoren der Schiedsrichter-Bekleidung die Kalkulation "Pro Personal" immer noch besser dastehen lassen. Zudem werden die späteren Stuhlschiedsrichter an den Linien ausgebildet. Jeder, der irgendwann mal als Spielleiter auf den „besten Platz im Stadion“ kraxelt, hat vorher jahrelang auf weiße Linien gestarrt und so das "Abdrücke lesen" gelernt. Fällt das weg, müsste man dies irgendwie ausgleichen, wenn die Qualität der Stuhlschiedsrichter-Ausbildung erhalten bleiben soll. Auch auf eine ganze Menge Drama müsste man mit Hawk-Eye Live verzichten. Denn egal ob man es gut oder schlecht findet, die Diskussionen um das Wohl und Wehe eines Abdrucks trägt eindeutig zur Stimmung eines Matches bei.

Momentan ist es aufgrund der Pandemie-Lage eine gute Sache, dass Hawk-Eye Live für mehr Sicherheit bei den Turnieren sorgen kann. Wie nachhaltig der Einsatz des rein elektronische "Linienrichters" aber sein wird, muss sich in Zukunft zeigen, besonders wenn wieder Normalbedingungen herrschen.

(Bild © imago images / Action Pictures)

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Henrike Maas
am 12.11.2020 gepostet von:
Henrike Maas
Redakteur
Henrike hat ihre Liebe zum Tennis erst später entdeckt, ist seitdem aber sowohl auf und neben dem Court immer dabei. In den Bereichen Technik, Taktik und Ausrüstung etwas detailverliebt, kann man mit ihr über alles rund um die gelbe Filzkugel reden.

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